By Heinz Bude

Angst kennzeichnet eine Zeit, in der in Europa Populisten von rechts im Anmarsch sind, in der sich unter ganz normalen Leuten Erschöpfungsdepressionen ausbreiten und in der der Kapitalismus von allen als Krisenzusammenhang erlebt wird. Angst ist der Ausdruck für einen Gesellschaftszustand mit schwankendem Boden. Die Mehrheitsklasse fühlt sich in ihrem sozialen prestige bedroht und im Blick auf ihre Zukunft gefährdet. guy ist von dem Empfinden beherrscht, in eine Welt geworfen zu sein, die einem nicht mehr gehört.
Am Leitfaden des Erfahrungsbegriffs der Angst erfasst Heinz Bude eine Gesellschaft der verstörenden Ungewissheit, der heruntergeschluckten Wut und der stillen Verbitterung. Das betrifft die Intimbeziehung genauso wie die Arbeitswelt, das Verhältnis zu den politischen Angeboten ebenso wie die Haltung zur Finanzdienstleistung. Es handelt sich weniger um die Angst vor einem "großen Anderen", es ist die Angst vor den eigenen, schier unendlich wirkenden Möglichkeiten, zu denen wir uns verleiten lassen. Das Angstbild, das sich nach den Funktions- und Legitimationskrisen des Kapitalismus wie des Internets ausbreitet, ist das Bild von selbstregulativen Systemen, die auf den Reaktionen und Entscheidungen der beteiligten Individuen beruhen.
Welchen gesellschaftlichen Entwicklungen sehen sich die Menschen ausgeliefert, wo fühlen sie sich verlassen, bevormundet oder übergangen? Wie kann unser Ich der Angst standhalten und in welchen Ritualen und Diskursen kann es sich mit anderen über die gemeinsamen Ängste verständigen?

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Es ist diese positionale Inkonsistenz, die ihn mit Angst erfüllt. 1 Das Schwärmen von der eigenen Durchsetzungskraft lässt sich freilich nicht ewig durchhalten. Die Statussucher, wie Vance Packard bereits 1959 die sozialen Aufsteiger der 1 Hans-Peter Dreitzel, Die Einsamkeit als soziologisches Problem, sieht darin die konstitutive Einsamkeit des sozialen Aufsteigers. 41 Nachkriegszeit genannt hat, 2 wollen irgendwo landen und irgendwo hingehören. Die soziologische Bezugsgruppentheorie3 hat d iesem Wunsch einen Namen gegeben: Es muss zumindest eine eingebilld ete Gruppe geben, der man sich zuordnen kann und wodurch man ein Gefühl von Zugehörigkeit und Bedeutung •erhält.

Außerdem binden sich Frauen nicht gern an Männer, die un1:er ihrem Bildungsniveau stehen. eigen, die wie sie selbst in ihrem Leben noch etwas vorhahen. D ie »trophy woman« von heute verbindet Sex mit Gebildetheit und Anschmiegsamkeit mit Ehrgeiz. Bildung lässt sich im Übrigen leicht mit Charaktermerkmalen und Problemlösungsstilen kombinieren, sodass ein Prädiktor für ein optimales Beziehungsmatching, sei es nun homo- oder heterosexuell, zur Verfügung steht. 5 Die Qual der Wahl resultiert aus der Optimierungsidee: Es könnte ja immer noch eine Bessere oder einen Besseren geben, mit denen die Beziehung noch g;lücklicher, erfolgreicher und sexyer wird.

Aufstieg hat sich für diese große Gruppe von sozialen Aufsteigerinnen und Aufsteigern, psychoanalytisch gesprochen, von einer Kategorie der tatkräftigen Projektion in eine der angstvollen Introjektion verwandelt. Zu unterliegen ist etwas grundsätzlich anderes, als zu versagen. Diese Angst rieselt feiner, setzt sich dafür auch tiefer in den Poren fest. Man will auf keinen Fall alls engstirnig, provinziell oder angestrengt erscheinen. Aber Weitläufigkeit, Lockerheit und Selbstsicherheit sind so einfach nicht zu erlernen.

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